Publikum verdoppelt: das zweite Festival “Les Musicales d‘Orient”
09. November 2010Es sind keine orientalischen Tänze, die hier geboten werden, der Name unseres Festivals kommt von “Forêt d‘Orient”, ein schönes Waldgebiet mit Seen in der Nähe von Troyes, in der französischen Champagne.
War es voriges Jahr noch ein schüchterner Versuch, die eher schwerfälligen “Champagnards” mit Kammermusik zu verführen, so hatte sich heuer das Publikum bereits verdoppelt.
[Hinweis: ein Mausklick auf die Bilder dieses Artikels zeigt diese in groß!]
Masterclass für Streichquartett
Eine Masterclass für Streichquartett bereicherte das Programm und brachte uns neben dem bereits arrivierten Apollon Musagete Quartett vier weitere hervorragende junge Quartettvereinigungen:
- Barbirolli Quartet, England
- EnAccord Quartett, Holland
- Navarra Quartet, England
- Quatuor Voce, Frankreich
Stargast am Klavier: Die junge Pianistin Shani Diluka. Sie stammt aus Sri Lanka, wuchs in Paris auf und hatte auch dort ihre musikalische Ausbildung.
Die Musiker waren bei Gastfamilien untergebracht. Und ich denke, keiner von ihnen wird sich über mangelnden Komfort und ungastliche Atmosphäre beklagen .
Eine große Familie
In Frankreich gibt es noch alte Herrschaftssitze mit ungebrochener Tradition. Die Gastgeber waren stolz, wenn in ihrem Haus von früh bis abends geprobt wurde. So entstand eine große Familie und der Festival war ein wahres Fest der Kommunikation durch Musik.
Studenten bestätigten mir, noch nie so eine schöne und animierende Masterclass erlebt zu haben und für mich war das Unterrichten in gegenseitigem Vertrauen ein grosses Vergnügen.
In den letzten Tagen kam noch meine ehemalige Quartettkollegin an der Bratsche, Isabel Charisius, dazu, um mich beim Unterrichten abzulösen und bei Brahmssextett mitzuspielen.
Freilich half unser Traumhaus am Dorfrand – über dem Tal der jungen Seine gelegen – mit, dass sich alle wohl fühlten. Wir hatten manchmal bis zu 40 Gäste zum Feiern bei uns. Vive la Maitresse de maison!
Aber auch Freunde öffneten uns gastfreundschaftlich ihre Türen, wie zum Beispiel Familie Poron oder Fourton.
Besonderer Charme: der intime Rahmen
Der Charme der Konzerte liegt vor allem auch im intimen Rahmen begründet. Die Scheune in Lusigny, 20 km von Troyes entfernt, fasst etwa 140 Personen. Das Publikum ist unmittelbar am “Geschehen” beteiligt. Insbesondere wissen dies auch unsere Zuhörer aus Paris zu würdigen, da sie dort nur die grossen Säle gewöhnt sind. Wir hatten sogar Gäste aus London!
Der kleine Rahmen schafft natürlich finanzielle Probleme. Ohne Sponsoring geht es nicht. Unter anderem konnte die Firma “LEMELLE” gewonnen werden. Sie bezahlte nicht nur die aufwendigen Druckereiarbeiten, sie halfen auch in “Naturalien”: Im Anschluss eines der Konzerte erschien der Chef, Dominique Lemelle persönlich und grillte für das Publikum sein Markenprodukt, die berühmte “Andouillette de Troyes”.
Wer sich einmal an den ungewohnten Geschmack gewöhnt hat, kommt nicht mehr los davon! (Schaut doch einmal bei seiner Website vorbei.)
Bei einer Besichtigung erfuhren wir nicht nur, dass hier täglich 120 000 Würste hergestellt werden, sondern auch, dass der Firmenchef passionierter Posaunist ist und bei einer professionellen Band mitspielt.
Kurz: Unser Festival ist nicht nur ein musikalischer Genuss, sondern schenkt uns eine Fülle reizvoller menschlicher Begegnungen. Unter anderem auch die Begegnung mit der bezaubernden Mme. Arlette Levy, die Schwiegertochter von Pierre Levy. Er war Begründer des Hauses Lacoste, aber auch Kunstsammler und Mäzen.
Er vermachte der Stadt Troyes seine wunderbare Gemäldesammlung, die in den wunderbar altehrwürdigen Mauern des Musée d‘Art Moderne zu sehen ist. Das Gebäude stammt aus dem 16./17. Jahrhundert. Der Konservator wird uns nächstes Jahr seine Tore für einige Konzerte öffnen.
Und nun viel Freude mit den Videos vom Festival “Les Musicales d‘Orient” 2010.


